Handarbeit! - TOPTHEMEN Tanja Steinbach,
Nachgefragt

Tanja Steinbach

Als Strickdesignerin, Autorin von Handarbeitsbüchern und Expertin beim ARD Buffet gibt Tanja Steinbach immer wieder Impulse für neue Strickthemen. Handarbeit sprach mit der kreativen und umtriebigen Fachfrau.

Handarbeit! Frau Steinbach, Sie sind Expertin beim ARD Buffet, Autorin von Handarbeitsbüchern, Strickdesignerin bei Schachenmayr und Mutter. Hat Ihr Tag 40 Stunden oder wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?
Tanja Steinbach: ...manchmal würde ich mir schon etwas mehr Stunden am Tag wünschen, aber auch ich muss – wie alle anderen auch – mit dem auskommen, was ein normaler Tag so hergibt! So wie Sie die Frage formuliert haben, hört sich das ja auch verrückter an als es in Wirklichkeit ist....Mein Mann sagt immer, ´morgens anfangen, abends aufhören - der Rest wird dann am nächsten Tag erledigt´. Aber auch ich habe Tage an denen ich verzweifelt nach 1-2 zusätzlichen Stunden suche und Köchin, Putz- und Bügelfrau oder einen Gärtner sehr vermisse... aber ich glaube, das geht uns allen so, man wächst ja auch mit seinen Herausforderungen, und manchmal bleibt eben auch erst mal was liegen. Da muss "frau" Prioritäten setzen und hungrig ist bei uns auch noch keiner zu Bett gegangen…

Ich habe das Glück , dass mein Arbeitgeber mir nach der Geburt meiner Kinder einen Teilzeitarbeitsplatz geschaffen hat, den ich zu großen Teilen von zu Hause aus bewerkstelligen kann - mit allen Vor- aber auch Nachteilen: manchmal fehlen mir die regelmäßigen Kollegen-Kontakte sehr und auch, dass man manchmal nicht "die Tür hinter sich schließen kann" und den Punkt findet aufzuhören, wenn etwas eilig bearbeitet werden muss.

Im Laufe der Jahre kommen einige Strickproben zusammen.
Für das ARD Buffet biete ich i.d.R. einen Beitrag pro Monat an, das lässt sich dann gut mal an ein bis zwei Samstagnachmittagen vorbereiten und wenn mal größere Teile vorzubereiten sind, lasse ich mir auch gerne mal von einer meiner sehr tüchtigen Heimarbeiterinnen bei der Anfertigung helfen. Ähnlich läuft es auch bei den Büchern, hier habe ich ja auch keinen Zeitdruck (meist erst gegen Ende - aber das gehört dann auch mit dazu) - ich arbeite dann an einem Buch, wenn mir das Thema gefällt und wenn ich einige Monate dafür Zeit habe, so dass ich mir Zeit flexibel einteilen kann - und dann wird in jeder freien Minute (auf dem Beifahrersitz, in der S-Bahn, wenn ich auf die Kinder warten muss, ... und manchmal auch im Urlaub) gestrickt oder gehäkelt! Ja, es grenzt wohl schon fast an Besessenheit und verschlingt sehr viel Zeit – vermutlich auch ein Grund, weshalb es bei uns Zuhause nicht immer perfekt aussieht ...

Handarbeit! Ich habe gelesen, dass Sie sich schon als Kind gerne mit Handarbeiten beschäftigt haben. Wurde hier schon der Grundstein für Ihre Handarbeits-Begeisterung gelegt?
Steinbach: Ich denke schon, meine familiären Wurzeln liegen ja auch in einem schwäbischen, selbständigen Handwerkerhaushalt – da gehört das "Schaffe" und vor allem das Selbermachen ja zum sogenannten "guten Ton". Außerdem war das damals bei uns noch sehr „klassisch“ nach Geschlecht getrennt, wir Mädchen haben da eher genäht und gehäkelt als an der Hobelbank die Finger begradigt..

Fotos

Von der Idee über den Entwurf zum fertigen Produkt – die Arbeit der Strickdesignerin Tanja Steinbach..
Handarbeit! Nach der Schneiderlehre haben Sie Textildesign studiert. Was verbirgt sich hinter dem Studiengang?
Steinbach: Der Studiengang Textildesign ist natürlich mehr auf die industrielle Fertigung ausgerichtet. In Deutschland kenne ich keinen Studiengang, der sich mit dem Thema "Handstrick" auseinandersetzt. Schade eigentlich. Ich habe in Reutlingen studiert, dort ist auch der Hauptsitz des Flachstrickmaschinenherstellers Stoll - wohl ein Grund, dass wir eine komplett ausgestattete Fertigungshalle mit den aktuellsten Großgeräten auf dem Campus zur Verfügung stehen hatten. Ich habe dann den Schwerpunkt "Masche" gewählt, da die Maschinen schon sehr eindrucksvoll sind und tolle Möglichkeiten bieten. Ehrlich gesagt hatte ich damals nicht unbedingt mit dem Berufswunsch für eine Handstrickfirma zu arbeiten – bin aber inzwischen sehr froh über meine Entscheidung. Textildesign ist dann eine "bunte Mischung" an verschiedenen Designgebieten, natürlich ist auch Modedesign Teil davon und der Studienalltag beschäftigt sich neben Schnitterstellung, Modezeichnen, Nähen, freies Malen eben auch mit der computerunterstützten Bedienung der Strickmaschinen, Mathematik oder Textilchemie. Da bekommt man dann viele unterschiedliche Fähigkeiten vermittelt, die einem später weiterhelfen oder auch eher weniger - aber inzwischen sieht der Studiengang auch wieder ganz anders aus, mit Master und Bachelorabschlüssen – und sicher auch vielen neuen Fächern.

Handarbeit! Wie kam es zu dem Sprung ins Fernsehen?
Steinbach: Da hatte ich wohl einfach Glück und war zur richtigen Zeit zur Stelle. Der SWR hatte bei der Firma Coats Ende der 90er Jahre nach Modell- und Materialunterstützung angefragt. Zusammen mit meiner Kollegin Stefanie Biendel habe ich die Experten vor Ort "gebrieft", also mit dem Thema, Material und Technik vertraut gemacht und die Steps vorbereitet, so dass die Experten die Themen in der Sendung vorstellen konnten und irgendwann stand ich dann selbst als „Experte“ vor der Kamera bei "Kaffee oder Tee". Nach einer längeren Pause freue ich mich sehr, dass ich seit 2011 wieder regelmäßig beim "ARD Buffet" und saisonal auch bei "Kaffee oder Tee" mitarbeiten darf - eine tolle und sehr interessante Abwechslung zum normalen Alltag!

Handarbeit! In der Sendung haben Sie nur eine relativ kurze Zeit, um ein Handarbeitsprojekt vorzustellen. Wie erfolgt die Auswahl der Modelle?
Steinbach: Gemeinsam mit der Redaktion überlege ich, welches Thema sich eignet oder auch gerade aktuell ist. Ich versuche dann immer zumindest ein Detail genau zu erklären. Ziel des Beitrags ist es jedoch, innerhalb der etwa drei bis vier Minuten, die für "Die gute Idee" zur Verfügung stehen, auch ein fertiges Modell zu präsentieren, dafür schreibe ich dann auch die Anleitung, die auf der ARD Buffet-Seite zur Verfügung gestellt wird. Das ist dann schon immer ein Spagat... vor allem: Die Sendung wird "live" ausgestrahlt und "Die gute Idee" am Ende des Sendeplans vorgesehen – da kann die Zeit dann auch mal noch knapper werden...
Im April war der Wunsch nach Zopfmuster im allgemeinen da, hier habe ich dann einige Punkte erläutert, die speziell bei Zopfmustern zu beachten sind und dann als Modellbeispiel kleine Tasche und Beutel vorgestellt. Das ist ok - aber auch unbefriedigend, wenn man bedenkt was für ein weites Feld das Thema Zopfmuster doch bietet, mit den vielen Geschichten um die Aran-Inseln, Guernseys und auch aus dem alpenländischen Raum um nur einige zu nennen... aber ich freue mich trotzdem, dass das Thema Stricken & Häkeln in der Sendung präsentiert wird und vielleicht bekommt der eine oder andere Zuschauer dann auch mal wieder Lust zur Nadel zu greifen oder sich auch detaillierter mit dem vorgestellten Thema zu beschäftigen! Ich bekomme auch immer wieder Zuschriften von Zuschauern von Ihren Projekten - da freue ich mich immer riesig darüber!
Im Juni, in der "Hollandwoche" haben wir länger über das Thema nachgedacht, neben Häkeltulpen, über gestrickte Fahrradsattelbezüge, die Farbe Orange sind wir dann schließlich doch bei einem ganz anderen Thema gelandet - aber ich freue mich darauf! Die Sendung ist am 3. Juni im ARD Buffet zwischen 12.15 und 13 Uhr zu sehen!

Handarbeit! Seit 18 Jahren arbeiten Sie als Strickdesignerin. Wie genau kann man sich Ihre Arbeit vorstellen?
Steinbach: So lange ist das schon? Wenn ich das lese, bekomme ich ja schon fast Angst... Ja, die Arbeit – für mich ist es irgendwie keine Arbeit, wohl auch ein Grund, warum ich so viel Zeit investiere und Kreativität geht auch nicht auf Knopfdruck. Natürlich gibt es geregelte Abläufe, aber die unterschiedlichen Materialien, die sich zum Teil in jeder Saison verändern haben zum Teil unterschiedliche Anforderungen. Bei einem klassischen Garn können viel besser im Vorfeld die Themen und Silhouetten vorgegeben werden, oft wird hier dann eher am aktuellen Farbthema gearbeitet und das klassische Garn bekommt noch neue, modisch aktuelle Farben. Bei richtigen Modegarnen wird ja häufig durch den Effekt des Materials das Modell oder das Einsatzgebiet bestimmt - da muss man flexibel arbeiten. Eigentlich ist jeder Tag neu und anders. Dann gibt es im Handstrickbereich ja noch die vielen "typischen" Nischen wie beispielsweise das Sockenstricken, das wiederum eigenen Gesetzen unterliegt... und wenn mir vor fünf bis sechs Jahren jemand erzählt hätte, dass heute Männer Mützen häkeln, hätte ich das wohl nicht geglaubt. Also es bleibt spannend, mal sehen, was als nächstes kommt...
Im Prinzip startet jede Saison mit der Überarbeitung der Garn-Kollektion (Im Grunde verkaufen wir ja auch Garne, die Anleitungen und Designs sollen ja eher anregen und Lust auf das Garn machen). Welche Garne bleiben, was soll ergänzt werden oder was fehlt. Messen und Designtage werden besucht, viele Trends zusammengetragen und zusammen mit den Kollegen versuchen wir dann die für uns wichtigsten Themen herauszuarbeiten. Wenn wir neue Garne planen, prüfen wir (ich und unabhängig davon noch andere Strickerinnen) das Material auf "Handstrickbarkeit", also wird erst mal "probegestrickt" und anschließend ausgewertet. Die Materialien durchlaufen auch unterschiedliche Wasch- und Tragetests, damit es sich auch "lohnt" damit zu stricken - ich finde das sehr wichtig. Wenn dann die Garne "stehen" und neue Materialien festgelegt sind beginnt die Arbeit am Designplan und die Überarbeitung des Farbsortiments. Anschließend werden zu den Themen passend noch weitere Designer beauftragt, so dass die Flut an Modellen die innerhalb von weniger Monate benötigt wird auch zu bewältigen ist, dann wird gehofft das alle Garne rechtszeitig eintreffen, beim Stricken alles glatt läuft, der "Wettergott" beim Foto-Shooting mitmacht und das die Kollektion am Ende bei unserem Außendienst und unseren Kunden gut ankommt. Und dann geht alles wieder von vorne los...

Handarbeit! Bleibt neben dem Beruflichen auch noch Zeit und Lust für sich selbst oder die Familie zu stricken?
Steinbach: Da bleibt in der Tat wenig Zeit - da greife ich dann lieber ab und zu zur Nähmaschine anstatt zur Nadel!

Handarbeit! Gibt es einen persönlichen Lieblingstrend im Sommer? (Material, Farbe, Technik)
Steinbach: Baumwolle ist immer der Knaller im Sommer, da macht man nie etwas falsch! Unsere "Catania" mit ihren tollen Farben macht da immer Laune - ich sitze da auch mal gerne auf der Terrasse und häkle Blumentöpfe, allerdings aus der dickeren Garnversion. Das geht schneller und ist auch mal ein nettes Mitbringsel mit Kräutertopf oder so.

Handarbeit! Verraten Sie uns Ihr nächstes Projekt? Worauf dürfen sich Handarbeitsfans freuen?
Steinbach: Im Moment arbeite ich an einem Buch über Zopfmuster für Einsteiger - da hat wohl der letzte Beitrag im ARD Buffet Spuren hinterlassen

Steckbrief von Tanja Steinbach

Beruf: Textil-Designerin mit Schwerpunkt Masche
Berufliche Stationen: Ausbildung zur Damenschneiderin im Handwerk , Unterschiedliche Design- und Mode-Praktika u.a. bei Burda in Paris; Studium Textildesign in Reutlingen; seit 1996 (bis heute) bei Coats in verschiedenen Bereichen der Produktentwicklung tätig, freiberuflich seit 2004 als Autorin für Handarbeitsbücher im Frechverlag und als Expertin „rund um die Masche“ beim SWR tätig
Hobbys: als Ausgleich wühle ich im Garten, renne durch den Wald und versuche beim Yoga und Pilates meine Mitte nicht zu verlieren – außerdem bieten Frankfurt und Wiesbaden so viele spannende Dinge an und mit Ballett-Abo und Museumscard gehe ich da auch mehr oder weniger regelmäßig hin
Motto: …das ändert sich jeden Tag…

Bücherliste: Aktuell dieses Jahr erschienen sind beim frechverlag „Gestrickte Taschen“ (das Buch lag mir sehr am Herzen!), „Sommermaschen“. Noch erscheinen werden dieses Jahr „be beanie men“ (dafür habe ich mit Mühe das Manuskript letzte Woche fertig gestellt – daher auch die Verspätung) und das ‚Zopfmusterbuch für Einsteiger‘ – da habe ich allerdings noch keinen genauen Titel oder ET. Mitgewirkt habe ich auch bei „Standpunkt“, das neue Sockensammelwerk. Zu den erfolgreichsten Büchern der letzten Jahre gehört neben den Socken – und Hausschuhtiteln sicher "be beanie unlimited".

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